Der “Dead Space”-Erfinder und sein Studio haben endlich The Callisto Protocol fertiggestellt und damit eines der grauenvollsten Horrorspiele des Jahres auf euch Spieler losgelassen.
The Callisto Protocol im Test: Der pure Horror
Die Fracht im Lagerraum des Raumschiffes von Jacob Lee und Max Barrow ist seltsam. Sie ist zwar als gefährlich markiert, allerdings wissen die beiden Piloten sonst nichts über das Gut, das sie transportieren. Hinterfragt haben sie nichts. Denn der Auftrag von der United Jupiter Company (kurz UJC), die in The Callisto Protocol die Monde des Jupiters bewirtschaftet und verwaltet, wird überdurchschnittlich gut bezahlt und die beiden Piloten träumen bereits von ihrem Ruhestand. Plötzlich meldet der Bordcomputer einen Alarm im Lagerraum. Das passiert öfter. Etwas genervt macht sich Jacob auf den Weg nach unten, um den Lagerraum zu überprüfen. Er kann seinen Augen kaum trauen, als er ein Feuer und eine Stelle entdeckt, an der jemand gewaltsam in das Schiff eingedrungen ist. Schnell erkennt er, dass die Terrororganisation Outer Way den Frachter gekapert hat. Nach einer kurzen aber heftigen Auseinandersetzung mit den Angreifern ist das Schiff so stark beschädigt, dass es abstürzt.
Kaum wacht Jacob auf, stellt er fest, dass außer ihm und der Anführerin von Outer Ways niemand den Absturz überlebt hat. Schnell schlägt das Sicherheitspersonal der UJC auf und nimmt die beiden Überlebenden in Gewahrsam. Seltsamerweise landet Jacob ebenfalls im Gefängnis. Ohne Ermittlungen, ohne Prozess oder auch nur eine Anhörung. Nach nur einem Tag bricht plötzlich eine aggressive außerirdische Seuche aus, die die ganze Gefängnisstation in ein tiefes Chaos stürzt. Jacob muss fliehen und idealerweise herausfinden, was zur Hölle hier eigentlich los ist.
Die neun Kreise der Hölle
Aus diesem Stoff ist die erste Stunde von The Callisto Protocol gemacht. Das neue Werk des “Dead Space”-Erfinders Glen Schofield und seines eigens für dieses Spiel gegründeten Studios Striking Distance blutet aus allen Ecken und Enden eine schaurige Atmosphäre. Überall in den enorm detailreich gestalteten Gängen flackern die Lichter, Schatten huschen durch dunkle Ecken und die unheilvollen Hintergrundgeräusche runden die Szenerie gekonnt ab. Ein durchaus vielversprechendes Fundament, auf das man mit Leichtigkeit ein ebenso gelungenes Horrorspiel setzen könnte. Leider liegt die Betonung hier ganz stark auf „könnte“. Das eben Beschriebene ist nämlich alles, was The Callisto Protocol an positiven Eigenschaften zu bieten hat. Was nach dem Einstieg folgt, ist eine grauenhafte Tortur voller Performance-Einbrüche und Designentscheidungen direkt aus den Untiefen der Weltraumhölle.
Erster Kreis: Der technische Zustand
Es grenzt schon an eine mittelschwere Frechheit, in was für einem Zustand zumindest die PC-Version von The Callisto Protocol veröffentlicht wurde. Wenn ein Spiel schon im Hauptmenü mit massiven Einbrüchen der Bildwiederholrate zu kämpfen hat und gerne mal beim Laden ins Spiel abstürzt, ist das kein gutes Vorzeichen. Dabei läuft im Prolog alles noch einigermaßen flüssig. Hier und da mal ein kurzer Stotterer, vielleicht flackert kurz mal etwas irgendwo, na gut, geschenkt. Aber sobald es in der Gefängnisanlage auf Callisto richtig losgeht, funktioniert aus technischer Sicht fast nichts mehr und das auch noch auf nahezu allen Ebenen. Das ist besonders bei der enorm instabilen Bildwiederholrate sehr ärgerlich.
Zweiter Kreis: Die Bildwiederholrate
Massive Einbrüche kommen leider an fast jeder Stelle vor. Sobald ein Level startet, sinkt die Rate gerne mal für mehrere Sekunden so stark in den Keller, dass ein Weiterspielen nicht mehr möglich ist. Kurioserweise sind die Einbrüche in den Zwischensequenzen am gravierendsten. Hier kommt es immer wieder vor, dass die Tonspur munter weiterläuft, aber für mehrere Sekunden das Bild einfriert. Wo wir gerade das Thema Ton anschneiden ...
Dritter Kreis: Die Soundabmischung
Es ist vermutlich schwierig, ein Spiel in den letzten Jahren zu finden, dass die miserable Tonmischung von The Callisto Protocol unterbieten kann. Immerhin ist das Spiel abwechslungsreich, wenn es um die Fehler bei der Abmischung geht. Mal sind die Hintergrundgeräusche dermaßen laut, dass sie die Gespräche übertönen. Mal ist die Stimme eines Charakters viel zu laut. Mal ist die Musik dermaßen stark aufgedreht, dass sowohl Unterhaltungen als auch Hintergrundgeräusche nicht zu verstehen sind. Solange hier nicht per Patch nachgeholfen wird, hilft es nur, die Untertitel einzuschalten. Kein Spaß. Anders sind weit über die Hälfte der Dialoge völlig unverständlich.
Vierter Kreis: Die Texturen
Eigentlich ist The Callisto Protocol ein wunderschönes Spiel mit einer großartigen grafischen Gestaltung. Blöd nur, dass die nur selten voll zur Geltung kommt. Die meiste Zeit hat der Titel mit nicht nachladenden Texturen zu kämpfen. Jacob Lee kämpft sich also durchaus recht häufig durch grob texturierte Gänge und Räume, kämpft gegen grob texturierte Gegner, während er selbst auch noch in einem grob texturierten Körper steckt. Oft hilft Neuladen bei diesem Problem. Oh! Apropos Neuladen!
Fünfter Kreis: Rücksetzpunkte
In The Callisto Protocol existieren natürlich Rücksetzpunkte. So weit, so gut. Allerdings liegen diese Rücksetzpunkte gerne mal weit auseinander. Das wäre an sich auch kein Problem, wenn die Kämpfe nicht so unfair wären. Das Kampfsystem an sich ist dabei gar nicht das Problem, sondern vielmehr, dass aufgrund der teils unterirdisch geringen Bildwiederholrate die Gegner gerne mal einen Vorteil haben und Jacob Lee so den Garaus machen. Das ist irgendwann extrem frustrierend, da natürlich auch nie klar ist, ob der nächste Kampf wieder von einer geringen Bildwiederholrate geplagt wird. Die bleibt ja nicht konstant und immer an den gleichen Stellen niedrig. Mal ganz abgesehen davon, dass das Kampfsystem wirklich in die allertiefsten Tiefen der Unterwelt verbannt gehört.
Sechster Kreis: Das Kampfsystem
Linke Maustaste zum Angreifen, A, D und S um nach links, rechts oder nach hinten auszuweichen. So funktioniert der Nahkampf und da kommt auch nichts mehr. Vom Anfang bis zum Ende werden so die meisten Kämpfe in The Callisto Protocol bestritten. Das liest sich nicht sonderlich spannend und bereitet in der Praxis sogar noch weniger Freude. Blöderweise besteht das Gameplay nahezu ausschließlich aus Kämpfen. Rätsel gibt es kaum und sonst bietet die enorm lineare Welt wenig Anhaltspunkte zum Erkunden. Hier und da gibt es zwar ein paar versteckte Waffenbaupläne zu finden, aber das war’s dann auch schon. Eine kleine Auflockerung bieten die Fernkampfwaffen. Aufgrund der knappen Munitionskapazität und den größtenteils engen Räumlichkeiten ist The Callisto Protocol sehr nahkampflastig. Die Waffen können natürlich aufgerüstet werden, hier mit einem 3D-Drucker. Aber das ist so irrelevant, dass diese Mechanik getrost ignoriert werden kann.
Siebter Kreis: Die Spielwelt
Die Spielwelt kommt zwar noch am besten weg, aber auch hier häufen sich seltsame Eigenarten. Beispielsweise existieren in The Callisto Protocol auffallend viele leere Gänge und Räume. Stellenweise gibt es dort nicht mal Heil-Items. Einfach gähnende Leere. Die Vermutung liegt nahe, dass das Spiel anders und offener konzipiert war. Hin und wieder liegen einige Audiologs herum, die dann die Geschichte erzählen, die sich in diesen, jetzt leeren Räumen abgespielt hat. Waren hier vielleicht Nebenaufgaben und ein weitläufiges Areal geplant?
Achter Kreis: Die Ladezeiten
The Callisto Protocol suggeriert zwar, dass es ohne Ladezeiten auskommt. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich aber lächerlich viele Passagen, in denen sich Jacob Lee durch enge Gänge oder an Hindernissen vorbei pressen muss. Interessanterweise brauchen auch sehr viele Türen sehr viel Zeit, bis sie sich öffnen und auch die eine oder andere Aufzugfahrt nimmt verdächtig viel Zeit in Anspruch. Die Häufigkeit dieser Vorkommnisse nimmt ein krasses Ausmaß an. Am Ende von fast jedem Gang wartet eine dieser Passagen.
Neunter Kreis: Die Story
Die Story von The Callisto Protocol fängt stark an, zieht sich dann etwas, stürzt brutal ab und fängt sich gegen Ende wieder ein wenig. Leider reicht es aber unterm Strich nicht für sehr viel mehr als ein „Joa, ganz nett“.
Fazit
The Callisto Protocol ist mit großer Wahrscheinlichkeit die größte Enttäuschung des Jahres. Hier stimmt leider abseits der Grafik und Atmosphäre gar nichts. Das Gameplay ist extrem monoton, die Kämpfe nerven irgendwann nur noch, die gesamte Technik setzt den Ärgernissen noch die Krone auf. Sollten die technischen Aspekte irgendwann einmal behoben worden sein, ist The Callisto Protocol zwar immer noch nicht der absolute Sci-Fi-Horror-Heilsbringer, aber auf jeden Fall einen Blick wert und könnte dank gelungener Grafik und Atmosphäre gute Unterhaltung bieten. Im jetzigen Zustand kann von einem Kauf der PC-Version aber nur abgeraten werden.
- Tolle Grafik
- Gelungene Bildgestaltung
- Sehr atmosphärische Spielwelt
- Massive Performance-Probleme
- Schlechte Tonmischung
- Fehlerhafte Texturen
- Generische Story
- Eintönige Gegner
- Monotones Kampfsystem
- Leere Spielwelt
- Die Technik ist einfach kaputt