Die Hoffnung ist groß, dass 2023 ein starker Videospieljahrgang wird. Forspoken macht jedoch als erster Blockbuster des Jahres alles andere als eine gute Figur.
Forspoken im Test: Hoffentlich kein schlechtes Omen für 2023
Als Square Enix 2020 Project Athia ankündigte, war ich durchaus interessiert. Ein Open-World-Spiel mit einer magiebegabten Protagonistin, die nur Zauber im Kampf einsetzt und sich Parkour-mäßig durch die Welt bewegt? Ja, warum nicht? Nun … Mittlerweile ist das Spiel unter seinem richtigen Namen Forspoken erschienen. Es ist der erste AAA-Titel des Jahres 2023, das (sofern nicht wieder alles verschoben wird) das Zeug hat, einer der besten Jahrgänge für Gaming-Fans zu werden, die wir bislang erlebt haben. Was uns Luminous Productions, die Macher von Final Fantasy 15, hier servieren, ist jedoch alles andere als ein Festschmaus. Das hier ist keiner dieser Fälle, wo vielleicht Story und Spielwelt enttäuschen, aber das Gameplay richtig viel Spaß macht. Es sind zwar gute Ansätze zu erkennen, letztendlich überzeugt aber keine einzige Komponente. Wollen wir doch mal im Einzelnen sezieren, weshalb Forspoken einer der größten AAA-Flops der jüngeren Vergangenheit ist.
Frey im Wunderland
Problem Nummer 1: die Story. Forspoken handelt von der jungen Alfre "Frey" Holland aus New York, die bei mehreren Pflegefamilien aufgewachsen und auf die schiefe Bahn geraten ist. Wegen Problemen mit dem Gesetz und einer Gang will sie die Stadt verlassen, doch nachdem "ihre" Wohnung (sie hat sich einfach in einer leerstehenden eingenistet) abgefackelt wurde und Frey im Zuge dessen ihr ganzes Geld verloren hat, steht sie plötzlich ohne jegliche Perspektive da und ist sogar kurz davor, sich das Leben zu nehmen. Doch dann findet sie einen schick aussehenden Armreif, der sie sogleich in eine Parallelwelt namens Athia teleportiert. Das Land leidet unter einer Seuche, die alles und jeden infiziert und zu wilden Bestien macht – jeden außer Frey, denn sie ist scheinbar immun. Das macht sie zur letzten Hoffnung der wenigen Überlebenden, die in der einzig verbliebenen Stadt Cipal eigentlich auch nur auf ihren Untergang warten.
Ich behaupte nicht, dass man aus dieser Prämisse nichts Gutes hätte machen können. Luminous Productions hat es aber nicht geschafft. Nicht nur, dass es dem Plot an sich an Spannung mangelt und er einen deshalb völlig kalt lässt, das Ganze ist auch schlecht erzählt. Die Nebencharaktere bleiben allesamt blass. Frey hingegen, die mit ihrem tragischen Hintergrund eine interessante Protagonistin mit Charaktertiefe hätte sein können, verkommt schnell zur Sprüche klopfenden Marvel-Heldin, die sich leidlich amüsante Wortgefechte mit besagtem Armreif liefert, der in britischem Englisch zu ihr spricht.
Forspoken hat auch eine deutsche Sprachausgabe, aber wenn ihr das Ding unbedingt spielen wollt, tut euch selbst einen Gefallen und wählt die englische Synchronisation aus. Die ist ganz solide, die deutsche Alternative hingegen eine Vollkatastrophe. Gerade die vielen Dialoge zwischen dem Reif und Frey sind auf Deutsch ein Graus, können aber auch auf Englisch schnell nerven. Zum Glück lässt sich die Häufigkeit der Labereien während des Gameplays in den Barrierefreiheitsoptionen auf ein Minimum reduzieren.
Hintergrundwissen über Athia wird fast ausschließlich über langweilige Kodexeinträge vermittelt. Zusätzlich passiert lange Zeit so gut wie gar nichts, was die Story richtig vorantreibt - nur damit die Autoren euch gen Ende mit Exposition zutexten. Und dann wirkt Forspoken im letzten Drittel auch noch arg gehetzt, während es sich zu Beginn viel zu viel Zeit lässt. Die ganze Erzählung wirkt dadurch unausgewogen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Entwickler eine Menge rausschneiden mussten, um das Spiel fertig zu kriegen und den Release nicht noch weiter hinauszuzögern (eigentlich hätte Forspoken schon im Mai 2022 erscheinen sollen).
Ganz schön ödes Athia
Das Spiel schafft es nicht, ein Interesse an Athia und dessen Historie zu wecken, was auch stark damit zusammenhängt, dass in der Welt selbst nichts davon erzählt wird. Es gibt quasi kein Environmental Storytelling und mangels NPCs außerhalb Cipals stolpert ihr in der Open World auch über keine Nebenquests, die euch spannende Einblicke in das Leben in Athia bieten könnten. Die unterschiedlichen Landschaften sehen zwar durchaus schick aus, sind aber vollkommen leer. Jede verlassene Siedlung sieht gleich aus, Überraschungen gibt es nicht.
Das gilt auch für die Nebenaktivitäten, mit denen die Open World vollgestopft ist. Hier eine Festung voller Feinde, da eine bewachte Schatztruhe, in der aber nur Crafting-Materialien stecken. Es gibt sogar ein Äquivalent zu den "guten" alten Ubisoft-Türmen. Wir haben es hier mit einer Open World der Sorte "Klappere Markierungen auf der Karte ab" zu tun, die ich im Jahr 2023 nicht mehr sehen möchte. Aber ehrlich gesagt, wollte ich so was auch schon 2015 nicht mehr sehen. Es ist echt traurig, dass ein Spiel wie Elden Ring, das wirklich Wert auf organische Erkundung legt, immer noch etwas Besonderes und nicht der Standard ist.
Bis euch Forspoken aber überhaupt mal so richtig in seine Open World entlässt, dauert es ein paar Stunden – was lustig ist, wo ihr das Ding doch in unter 15 Stunden durchspielen könnt, wenn ihr euch auf die Hauptstory fokussiert. Der Anfang des Spiels ist nicht nur sehr langsam, sondern auch extrem linear und besteht noch dazu zum Großteil aus Zwischensequenzen, die durch interaktive Passagen mit wenig bis gar kein Gameplay verbunden sind. Es gibt weit aus mehr als eine Szene in Forspoken, die nur daraus besteht, ein paar Meter von A nach B zu laufen, ohne dass irgendwas passiert. Es ist keine Seltenheit, dass ich mir beim Spiel gedacht habe: "Also diesen Part gerade hätte man auch einfach weglassen können."
Guten Flow sollte man nicht erst freischalten müssen
Forspoken hat ein großes Pacing-Problem und das nicht nur in Bezug auf seine Erzählung. Bis das Gameplay mal halbwegs Spaß macht, vergeht viel zu viel Zeit. Das gilt sowohl für die Kämpfe als auch Fortbewegung. Den sogenannten "Magischen Parkour" erlernt Frey zwar recht früh, die Optionen sind aber auch dann noch stark eingeschränkt – auch weil eure Ausdauer zu Beginn ziemlich niedrig ist, so dass ihr nicht allzu lange im Affenzahn durch die Gegend sprinten und springen könnt. Dass es Fallschaden gibt, ist eine weitere Einschränkung und aus meiner Sicht eine fragwürdige Designentscheidung. Das hat nämlich stark dagegen gewirkt, dass sich für mich ein schöner Flow hätte entwickeln können. Lasst mich euch meine Erfahrung mit einem Vergleich beschreiben: Ich habe mich in Forspoken so gefühlt, als könnte man in Marvel's Spider-Man zu Beginn nur drei Spinnenfäden hintereinander verschießen und müsste dann mehrere Sekunden warten, bis sich die Fähigkeit wieder aufgeladen hat. Wäre das nicht enorm ätzend?
Es ist auch nicht so, als hätte Forspoken diese coolen "Oh, ich habe eine neue Fähigkeit und kann jetzt bislang unzugängliche Pfade einschlagen"-Momente, wie wir sie aus Metroidvanias kennen. Wenn es keinerlei Spaß macht, die Welt zu erkunden, ist die Motivation recht gering, im späteren Spielverlauf Orte erreichen zu können, zu denen ich vorher nicht konnte. Dort erwartet mich ja eh nichts Besonderes, was ich nicht vorher schon in ähnlicher Ausführung gesehen habe. Was bleibt also? Ein Bewegungssystem, das in seiner vollen Pracht durchaus cool ist, aber am Anfang von den Entwicklern künstlich eingeschränkt ist, weshalb es lange Zeit erst mal gar nicht so viel Spaß macht.
Unausgegorenes Kampfsystem
Die Kämpfe gegen Zombies sowie kleinere und größere Monster sind im späteren Spielverlauf, wenn euch eine ordentliche Bandbreite an Zaubern zur Verfügung steht, durchaus nett, weil die Effekte ordentlich knallen und euch dadurch ein schönes Machtgefühl vermittelt wird. Am Anfang seid ihr aber auch hier viel zu sehr eingeschränkt, da nur ein Talentbaum freigeschaltet ist. Bis ihr zum Beispiel mal die coolen Feuerzauber erlernt, dauert es eine ganze Weile.
Das viel größere Problem ist das System an sich. Ein Druck auf den rechten Trigger (beziehungsweise die linke Maustaste) löst einen Standardangriffszauber aus. Haltet ihr die Taste gedrückt, setzt ihr den aktuell ausgewählten Angriffs-Skill ein. Der linke Trigger dient dazu, Unterstützungszauber zu wirken. Mit den beiden vorderen Schultertasten (respektive Q und E auf der Tastatur) ruft ihr das jeweilige Ringmenü auf, worüber ihr den "ausgerüsteten" Zauber austauscht. Währenddessen wird die Zeit verlangsamt. Kurzum: Ihr könnt immer nur zwei Fähigkeiten neben eurem Standardangriff per schnellem Tastendruck einsetzen. Entweder habt ihr also ständig die Ringmenüs auf dem Bildschirm und wechselt zwischen den Zaubern, was den Kämpfen Tempo nimmt, oder ihr variiert so gut wie gar nicht, wodurch die Gefechte schnell eintönig werden. Hätte man die Steuerung nicht anders konzipieren können, zum Beispiel so, dass ihr eine Taste gedrückt haltet und dann durch einen weiteren Tastendruck einen von mehreren ausgerüsteten Zaubern direkt einsetzt? Das wäre viel besser gewesen.
Loot, der nicht motiviert
Forspoken wird als Action-Rollenspiel angepriesen, nicht als reines [Actionspiel](https://www.prosiebengames.de/games/action). Die RPG-Elemente halten sich jedoch arg in Grenzen. Abseits der Talentbäume, die eben leider erst nach und nach freigeschaltet werden, gibt es lediglich noch Umhänge, Halsketten und Fingernägel als Ausrüstung. Ja, ihr habt richtig gelesen: Fingernägel. Frey geht aber nicht ins Nagelstudio, sondern erhält die Dinger genau wie den Rest als Beute für abgeschlossene Missionen und Open-World-Aktivitäten. Wirklich spannend ist der Loot in Forspoken aber nicht. Bis auf die Umhänge hat er quasi keine optischen Auswirkungen und die spielerischen beschränken sich auf passive Boni, die etwa den Schaden bestimmter Magiearten erhöhen. Richtig außergewöhnliche Effekte, die eure Spielweise stark verändern, gibt es nicht.
Auch das Crafting ist denkbar langweilig. Umhängen sowie Halsketten dürft ihr bis zu drei frei wählbare passive Boni verleihen und ihr könnt deren Attributwerte steigern. Außerdem lassen sich Heiltränke herstellen und die Beutel für Medizin sowie Materialien vergrößern. Das wars, selbst Umhänge nähen oder Halsketten basteln dürft ihr nicht.
Das Crysis des Jahres 2023, nur ohne den Grafikbombast
Bevor ich nun anfange, mir meinen Frust über die miese Performance der PC-Version von der Seele zu schreiben: Forspoken ist kein hässliches Spiel. Aber ein grafischer Leckerbissen mit Next-Gen-Charakter sieht anders aus. Das Spiel hat eine ordentliche Weitsicht, die Zaubereffekte sind hübsch, die Monstermodelle sind ganz nett und die Landschaften machen auch durchaus was her. Weil die Welt aber so karg ist, mangelt es ihr aber eben auch an Details und was die Charaktere, insbesondere deren Gesichter sowie deren Animationen betrifft, haben wir schon auf der PS4 und Xbox One besseres gesehen. Gemessen an der Optik müsste Forspoken also eigentlich auf einem halbwegs zeitgemäßen Gaming-PC ziemlich gut laufen.
Pustekuchen! Ich habe das Spiel auf zwei Systemen ausprobiert. Auf meinem Bürorechner mit einem Ryzen 7 5700X, 16 Gigabyte RAM und einer GeForce RTX 3060 erreiche ich nur auf mittleren Einstellungen und mit aktiviertem DLSS (auf "Qualität") annähernd stabile 60 FPS in 1080p. Auf meinem privaten PC mit einem Intel Core i7 11700K, 32 Gigabyte Arbeitsspeicher und einer RTX 3080 Ti kann ich immerhin hohe Details einstellen, sollte aber die Finger von Ultra-Einstellungen sowie Raytracing lassen. Ok, wenn ich alles aufdrehe, wird Forspoken dadurch nicht unspielbar. Aber a) kann ich mir eine Bildrate, die gerne mal deutlich unter die magische 60er-Grenze fällt, heutzutage nicht mehr antun und b) ist das Spiel optisch eben weit davon entfernt, dass man hier ein Crysis-Urteil nach dem Motto "Hat Hardware-Anforderungen jenseits von Gut und Böse, sieht aber exorbitant gut aus" fällen könnte. Forspoken ist schlicht nicht gut optimiert.
Fazit
Ich glaube, niemand hat vor Release noch die Hoffnung gehabt, Forspoken könnte ein gutes Spiel sein. Die Kritik an der vorab veröffentlichten PS5-Demo war schon enorm groß, die exorbitanten Systemanforderungen der PC-Version und die Geschichte, dass Square Enix manche Pressevertreter scheinbar nicht bemustern wollte, haben die schlechte Stimmung zusätzlich angeheizt. Und dann will das Unternehmen selbst für die PC-Fassung 80 Euro haben. Ganz ehrlich: Mir ist Forspoken nicht mal 60 Euro wert. Nichts in diesem Spiel funktioniert in meinen Augen wirklich gut, weder die Story noch die Spielwelt oder das Gameplay. Definitiv ist letzteres noch das Beste am Spiel, aber aufgrund einiger Designentscheidungen will es eben auch nicht so richtig zünden. Die schlechte Performance auf dem PC sorgt für zusätzlichen Punktabzug. Sorry, Square Enix, das war nix!
- Schicke Zaubereffekte
- An sich cooles Parkoursystem, ...
- ... das aber zu lange zu stark eingeschränkt bleibt
- Kampfsystem nicht gut in der Praxis umgesetzt
- Schwache Story ohne interessante Figuren
- Schlechtes Pacing, Einstieg viel zu zäh
- Leere Open World
- Generische Nebenaktivitäten
- Loot und Crafting-System sind langweilig
- Schlechte Performance auf dem PC
- Miese deutsche Synchronisation