Die E3 braucht kein Schwein

Autor: Ahmet Iscitürk

Hab ich E3 gesagt? Eigentlich gilt das ja für alle Messen. 

Pressekonferenzen von Spieleherstellern sind immer eine Gratwanderung. Für mich ist es ein Spagat zwischen Fremdscham und Hype. Die Microsoft-Veranstaltung im Rahmen der E3 2017 ist das perfekte Beispiel dafür. Erst war ich total geflasht, weil die Grafik von Metro: Exodus so unfassbar geil ist. Geradezu gehypt! Was würde Microsoft als Nächstes aus dem Ärmel zaubern? Dann kam eine mutmaßliche LGBT-Veganerin (die Frisur sagt alles) auf die Bühne, um die Vorzüge von Minecraft in 4K-Auflösung zu loben. Wenn es ein Spiel gibt, das von Ultra High Definition profitiert, dann ganz bestimmt Minecraft.

Xbox Briefing - E3 2017

Xbox Briefing - E3 2017

Apropos Bullshit: Sämtliche Zuschauer in den ersten Reihen trugen T-Shirts mit der Aufschrift „I witnessed the most powerful console ever“. Waren das Microsoft-Mitarbeiter oder bezahlte Stimmungsmacher? Zumindest kicherten die Gestalten bei jedem schlechten Witz, klatschten und jubelten wie auf Kommando. Die Microsoft-Pressekonferenz erinnerte mich tatsächlich an den SPD-Wahlkampf mit Martin Schulz an der Spitze. Da wurde ja anfangs auch viel gejubelt – zumindest in den eigenen Reihen.

Xbox One XS

Xbox One X

Xbox One X

Natürlich haben wir alle hauptsächlich auf die Enthüllung der neuen Xbox gewartet. Ich weiß noch, wie ich vor einigen Wochen über folgendes Gerücht gelacht habe: „Project Scorpio soll Xbox One X heißen“. Hahahaha! Xbox One X! Hahahaha! So ein Quatsch. Derart unkreativ ist nicht einmal Microsoft. Warum nicht gleich Xbox One XY ungelöst? Nie im Leben hätte ich gedacht, dass sich dieses Gerücht bewahrheiten könnte. Doch wenn man länger darüber nachdenkt und sich das Ganze schönredet, macht es durchaus Sinn. Die Miniaturisierung der Computer-Hardware schreitet in riesigen Schritten voran. Die Xbox One X ist die kleinste Xbox aller Zeiten. Im kommenden Jahr könnte Microsoft eine noch kleinere Version unter dem Namen „Xbox One XS“ anbieten.

Lucky’s Tale für Arme

Die Microsoft-PK begann gegen 23 Uhr und dauerte über zwei Stunden. Ich habe mich zu Tode gelangweilt, aber trotzdem durchgehalten. Schließlich wollte ich endlich AR-/VR-Spiele für die neue Konsole sehen. Es kam aber nix.

Super Lucky's Tale

Super Lucky's Tale

Seit Jahren macht mich Microsoft auf Hololens und Augmented Reality scharf, aber wann kommt der Krempel endlich auf den Markt? Stattdessen rotzt mir Microsoft eine VR-freie Version des Jump & Runs für Oculus Rift Lucky’s Tale vor die Füße. Geht’s noch? In jedem zweiten Review konnte man damals lesen „Lucky’s Tale wäre ohne VR einfach nur ein durchschnittliches Hüpfspiel unter vielen.“ Mindestens ein Microsoft-Mitarbeiter mit Weisungsbefugnis muss also entschieden haben: „Hey, so ein durchschnittliches Hüpfspiel unter vielen ist doch genau was wir brauchen!“

Eigentlich sollte es hier nicht nur um Microsoft gehen, sondern um die E3 im Allgemeinen. Ich frage mich, warum solche Messen überhaupt noch existieren. E3, PAX, Gamescom – sämtliche Branchen-Insider, die ich kenne, finden diese Termine zum Kotzen. So ein Messeauftritt ist nämlich mit einem gigantischen Aufwand verbunden, nicht nur finanziell. Verlage schicken ihre Redakteure um die halbe Welt, damit sie Infos abgreifen, die jeder daheimgebliebene Praktikant auch aus dem Internet ziehen könnte. Wer die E3 persönlich besucht, hat keinerlei Wissensvorsprung und die Aussteller haben auch nicht mehr davon.

Ich plädiere für virtuelle Messen

Völlig überfüllte Messehalle

Völlig überfüllte Messehalle

Warum finden solche Events überhaupt noch in der realen Welt statt? Warum wird das Ganze nicht komplett ins Internet verlegt? Sämtliche Pressekonferenzen und Trailer werden sowieso schon gestreamt, warum nicht auch die spielbaren Demos? Warum müssen fette Kinder drei Stunden in einer stickigen Gamescom-Halle Schlange stehen, um das neue Call of Duty anzuspielen? Solche Demos könnten die Fans via Cloud-Gaming auch bequem von zu Hause aus zocken.

Die Gaming-Industrie entwickelt sich rasant weiter, aber E3, Gamescom und Co tun so, als würden wir immer noch in den Neunzigern leben. Ich weiß schon, was viele von Euch jetzt denken: „Was ist mit der sozialen Komponente? Ich treffe auf der Gamescom viele Gleichgesinnte und außerdem kriegt man immer tolle Geschenke wie 3-Cent-Schlüsselanhänger und bunte Plastiktüten!“

Alles spricht für virtuelle Spielemessen

  1. Mit Gleichgesinnten könnt Ihr euch auch anderswo treffen. Es gibt kein Gesetz, das den persönlichen Kontakt außerhalb der Gamescom untersagt.
  2. Geschenke und Merch könnte man ja mit Online-Herausforderungen kombinieren. Wer es beispielsweise schafft, in der Forza-7-Demo eine bestimmte Zeit zu unterbieten, darf seine Anschrift hinterlassen und bekommt ein Merch-Paket frei Haus.
  3. Ihr müsstet nicht mehr stunden- oder tagelang durch die Weltgeschichte reisen.
  4. Ihr würdet einen Haufen Geld sparen.
  5. Nie mehr auf ekelhaften Messefraß angewiesen sein!
  6. Keine stinkenden Menschenmassen mehr!
  7. Demos kommender Spielehits ausführlich und in Ruhe spielen – ganz ohne Wartezeiten.
  8. Mehr fällt mir nicht ein, aber Ihr könnt die Liste gerne in den Kommentaren fortsetzen.

Über den Autor:

Kleinkariertes, die @SchweinOfLove Kolumne

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Ahmet Iscitürk schreibt seit 1998 über Spiele und vieles mehr. Seine Texte sind schlecht und er schämt sich dafür.

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